Manch einer weiß ja, wie sehr ich Amerika mag. Gerüchteweise habe ich auch schon mal eine Abschiedsüberraschungsparty für den kommenden Umzug nach Kalifornien veranstaltet und dann doch nur am gleichen Tag geheiratet gehabt. Gedanklich bin ich aber tatsächlich schon das eine oder andere mal umgezogen.
Gerade war ich wieder einmal beruflich in Kalifornien. Ich liebe es, dort zu arbeiten – ich finde es inspirierend, bekomme viel erledigt und sehe mehr die Summe der einzelnen Teile als die Einzelteile. Das liegt sicherlich auch daran, dass ich dort andere Termine habe als hier in der Schweiz. Ich habe nicht meinen “biweekly catch up call”, der völlig in Ordnung, aber nicht inspirierend ist, sondern eher Termine zum Thema “Wo wollen wir in 6-XX Monaten sein?”. Außerdem kann man US Kollegen nicht nur von 6-7pm sprechen, wenn man eh schon mit dem Tag durch ist, sondern den ganzen Tag. Und zwischendrin bin ich auch noch effizient. Das ist aber nur das Berufliche.
Ich liebe es, dass in den USA Natur und (Stadt)Wahnsinn so nahe beisammen liegen. Eben ist man noch in Las Vegas und dann schon im Red Rock Canyon.

- Motel Las Vegas
Man ist noch auf dem Highway in San José mitten im Müll (vielleicht sollte die Poizei eher an den Sinn für Achtung des Gemeinsinns denken als mit “Do not litter. 1.000$ fine” arbeiten) und gleich danach in den Santa Cruz Mountains, wo es durch und durch nach Eukalypthus riecht, Ranger einem den Weg weisen und alles in Engelsgeduld mit Begeisterung erzählen, was alles in ihrem noch so kleinen State Park passiert. Diese Passion steckt alle an (und das wohl auch bei der Arbeit, siehe oben). Und dass jede Region einen Park hat ist schlicht und einfach toll. Außerdem kommt man als Deutsche natürlich auch aus einem Land, wo alles nah ist. Amerikas Weite fasziniert und suggeriert Freiheit. Man fährt durch das öde West Hollywood und entdeckt oben auf einem Hügel das wunderschöne Hollyhock House.

- Hollyhock House West Hollywood
Von dort sieht L.A. zauberhaft aus. Der Wärter lässt einen noch rein, obwohl die Besuchszeiten schon um sind – einfach, weil er nett ist. Man kommt zu einer Weinprobe, die Sonntags nicht stattfindet, wird aber von dem palästinensischen Auto-Aufpasser trotzdem eingelassen – er passt zwar nur auf die Liebhaberautos auf, die in der gleichen Halle lagern – und schaut dann mit ihm das Frauen WM Finale zuende. Wenn einem das in Deutschland passieren würde, würde man vermuten, dass man gleich Opfer eines Strafdelikt wird. Diese Liste der Nettigkeiten und Hands On Aktionen könnte ich endlos fortsetzen.
Es gibt aber auch Schlechtes: Was ich zum Beispiel nicht mag, ist der oft fehlende Gemeinsinn – für das Gesellschaftswohl wird wenig gemacht (außer man befindet sich in einem State Park oder State Forest): Fläche wird verbaut, ohne dass es eine längerfristige Planung gibt (das würden auch die Gebäude nicht durchhalten), es wird eher die billige Lösung gewählt als die gute bleibende (Rumpelstraße, Fenster, Gebäude, Züge undundund), Steuern sind der Buhmann der Nation, es wird viel (Blockade)Politilk betrieben, ohne etwas zu bewirken (Stichwort Tea Party) und selbst in einer an sich reichen Stadt wie San Francisco (ich weiß, dass Kalifornien pleite ist, trotzdem gibt es in SF viel Geld) gibt es so viele Obdachlose, dass man den Eindruck bekommen muss, dass da etwas im Gesellschaftsgefüge schief läuft. Unis kann man sich leisten, wenn man entweder sparsame und vorplanende oder reiche Eltern hat, sich fürs Studium verschuldet oder aber toll Basketball, Fußball oder Basball spielen kann.
Weiter gibt es noch die lange Liste der charmanten Unterschiede. Alles ist größer. Echt alles. Alles ist immer extrem: Local & organic @ Wholefoods…

- Wholefoods Salad
… oder total trashig im Lebensmitteloutlet. Klingt gruselig?! Ist es auch! Fahhrad in San Francisco gegen Escalades in New York oder San José. Der durchschnittliche Amerikaner muss deutlich mehr Matratzen in seinem Leben erstehen, denn es läuft viel wesentlich mehr Matratzenwerbung und es gibt an jeder zweiten Ecke entweder Mancini’s Sleepworld oder den Sleeptrain. Wenn Sport betrieben wird, dann ist man zu ca. 120% ausgerüstet – auch wenn man eigentlich nur 20 Meilen radelt. Die amerikanische Gelassenheit beim Autofahren. Ein Traum! Diese tollen Avocados. Sushi!! Die perfekt ausgeschilderten und auch gerne mal adoptierten Wanderwege. Dass man weiter auch Bänke, Autbahnen und diverse andere Sachen adoptieren kann (dafür werden sie dann geputzt & erhalten, glaube ich). Die Begeisterung von Kellnern, wenn man mal etwas genauer wissen möchte. Bumpersticker MIT Message. Die etwas langweiligen aber sehr pragmatischen Straßennamen (Sunset Boulevard) und dass es so viel weniger Straßen gib, die dann aber gerne 6.000 Hausnummern lang sind. Buchläden mit begeisterten handschriftlichen Empfehlungen. Alles ist tendenziell “The best” – wenn dann auch “Best rated in 2010 in Southwestern Arizona and just Italian Restaurants not run by Italians”. Also sinngemäß. Dass man mit seinem eigenen deutschen Akzent gut in der Masse der Akzente untertauchen kann – man denke nur mal an meine Gruezi Versuche als Vergleich. Und ja, auch die Ignoranz gegenüber anderen Ländern und Sprachen kann recht charmant sein. Es ist nun mal auch alles weit weg außer Mexiko & Kanada! Zürich kennen übrigens weniger als München oder Berlin. Karten funktionieren immer außer man will tanken. Ich habe sicher die Hälfte vergessen und editiere morgen nochmals nach. Ich denke, die Message came across: Ich mag Amerika sehr gerne (auch wenn man manchmal denkt: die Spinnen doch, die Amis – aber das tun letzten Endes alle auf Ihre Art, Europäer wie Amerikaner) – und Obama wünsche ich viel Erfolg mit den unglaublich sturen Republikanern. So.
Falls jemand einen echten USA Schmöker kaufen möchte (Achtung, schwer!): USA Lonely Planet